
Stadtarchivarin Juliane Bruder zeigt eine Urkundenrolle aus dem Jahr 1404 (links). Rechts ist die älteste Urkunde aus dem Jahr 1264 zu sehen.
Archive sind das Gedächtnis der Gesellschaft und sie sind eine wichtige und ursprüngliche Quelle für die historische Forschung. Was lag also näher, als sich ein solches Archiv mal aus der Nähe anzusehen?
Das taten die Mitglieder der Regionalgruppe Zerbst des Vereins für Anhaltische Landeskunde (VAL) am 29. März 2025 im Zerbster Stadtarchiv. Stadtarchivarin und Vereinsmitglied Juliane Bruder führte durch die beiden Archivstandorte in der Schlossfreiheit und in der Breite.
Zwar wurden auch das Stadtarchiv und seine Bestände bei den Luftangriffen auf Zerbst am 16. April 1945 stark in Mitleidenschaft gezogen, sodass heute nur noch zwischen 10 und 15 Prozent der ursprünglichen historischen Bestände vorhanden sind. Doch mit aktuell insgesamt ca. 2.000 laufenden Regalmetern verfügt das Archiv weiterhin über einen sehr großen und reichhaltigen Bestand. Besonders die sehr alten Dokumente aus dem Mittelalter konnten durch rechtzeitige Auslagerung gerettet werden. Die älteste vorhandene Urkunde stammt aus dem Jahr 1264. Große Verluste sind hingegen für die Bestände aus der Zeit des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu verzeichnen.
Frau Bruder führte kurzweilig anhand der vielen verschiedenen Unterlagen durch die Geschichte der Stadt. Von den gefalteten Pergament-Urkunden über vier Meter lange gerollte Urkunden bis hin zu gebundenen Schöffen- und Stadtrechnungsbüchern. Diese ermöglichen bis heute einen Einblick in das Leben der Stadt und ihrer Einwohner in den vergangenen Jahrhunderten.

Archivalien aus acht Jahrhunderten (oben). Blick ins Aktenlager (unten).
Abgerundet werden die Bestände durch Fotoalben, Bauunterlagen und Zeichnungen der ehemaligen Zerbster Bauschule, die die Stadt vor der Zerstörung und auch den Wiederaufbau nach 1945 dokumentieren. Für die Familienforschung sind zudem die zur Nutzung freigegebenen Personenstandsunterlagen der Stadt und der umliegenden Dörfer von unschätzbarem Wert. Mit der neu angeschafften Digitalisierungstechnik ist es seit einigen Jahren möglich, die vorhandenen Personenstandsunterlagen Stück für Stück zu digitalisieren und online für jedermann nutzbar zu machen. Zum Bestand des Archivs gehört außerdem eine umfangreiche Handbibliothek.
Mit der Sanierung der ehemaligen Berufsschule am Frauentor und der Neueröffnung als Verwaltungsgebäude vor zwei Jahren hat das Archiv nun einen zweiten Standort. Auch diese neuen Räumlichkeiten konnten die VAL-Mitglieder nach einem kurzen Fußmarsch vom ursprünglichen Standort im Rathaus an der Schloßfreiheit aus zur Breite besichtigen. Von außen ist durchaus noch zu erkennen, dass es sich bei dem neuen Verwaltungsgebäude ehemals um ein Klosterensemble (Frauenkloster) gehandelt hat. Im Innenbereich sind durch neue Rollregalsysteme umfassende Lagerungsmöglichkeiten gegeben, welche für viele Jahre genügend Raum und bessere klimatische Bedingungen für die Erhaltung der Unterlagen bieten. Der Flurbereich kann für Ausstellungen genutzt werden.
Tobias Zander